Transkript der Folge 69: Loslassen, ohne aufzugeben. Mit Hella Horsmann
Oft gibt es so einen Moment, in dem man merkt, ich kann nicht mehr. Bei vielen pflegenden Angehörigen kommt dieser Moment sehr spät und oft auch so leise, dass man ihn selbst kaum hört. In dieser Episode „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“ spreche ich mit meinem Gast Hella Horsmann über ihre schwere Entscheidung für den Umzug ihres Mannes in ein Pflegeheim, was ihr geholfen hat und wie aus dem Loslassen eine neue Leichtigkeit wurde. Und zwar für beide.
„Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“
Herzlich willkommen zu „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“. Mein Name ist Peggy Elfmann, ich bin Journalistin und pflegende Angehörige. Hier im Podcast spreche ich mit meinen Gästen über Themen, die Angehörige und Pflegende beschäftigen. Ich möchte euch Wissen und Anregungen für euren Alltag geben.
Mein heutiger Gast ist Hella Horsmann. Sie hat ihren Mann lange zu Hause gepflegt mit großer Liebe und Kraft. Als wir uns neulich begegnet sind, hat mich tief berührt, mit welcher Klarheit und Offenheit sie über ihren Weg gesprochen hat. Über die schweren Momente,
Über das Gefühl von Schande auch und darüber, wie aus dem Loslassen eine neue Leichtigkeit wurde. Herzlich willkommen bei „Leben. Lieben. Pflegen“, liebe Frau Horsmann!
Ja, guten Tag. Ich freue mich auch sehr über die Einladung.
Bevor ich anfange, habe ich noch eine kleine Bitte an unsere Zuhörenden. Bitte teilt den Podcast gerne mit anderen Angehörigen und Interessierten. Ich freue mich auch, wenn ihr „Leben. Lieben. Pflegen.“ abonniert und uns auf der Podcast-Plattform eurer Wahl positiv bewertet. Ganz herzlichen Dank dafür.
Ja, liebe Frau Horsmann, wir kennen uns ein klein wenig, aber die Zuhörenden natürlich noch nicht. Mögen Sie uns anfangs ganz kurz erzählen, wer Sie sind und wer Ihr Mann ist, wie die Demenz sich quasi in Ihr Leben geschlichen hat?
Ich wohne in Hattingen, das ist mitten im Ruhrgebiet in der Nähe von Essen, in einem kleinen Vorort und das ist im weiteren Verlauf auch wichtig für unser Gespräch. Es ist ungefähr sieben Jahre her, als ich Unregelmäßigkeiten bemerkte. Sowohl in der Persönlichkeit meines Mannes Auffälligkeiten als auch eben Vergesslichkeiten, Konzentrationsschwierigkeiten und wie das so ist in einer langen Ehe und Beziehung, man springt ein als Partnerin dann, hilft aus mit vergessenen Namen und Ähnlichem und kompensiert einfach das automatisch, was in der Situation eben angemessen ist, sowohl im Umgang mit mir, unserer Familie oder auch in Begegnungen.
Dann fiel mir im weiteren Verlauf auch durch Gespräche mit meinen Söhnen auf, die äußerten: „Das fällt uns beim Papa schon etwas länger auf“, dass wirklich mein Fokus geschärft wurde und es kamen dann, wie das leider manchmal bei einer beginnenden Demenz auch ist, auch Unruhe und Aggressionsphasen, die ich so gar nicht von meinem humorvollen und ausgeglichenen Mann kannte. Und das war wirklich… nicht einfach. Also es war tatsächlich so, dass ich am Anfang auch versucht habe, lange zu erklären, da ich noch gar nicht so viel wusste über das Thema Demenz.
So, jetzt weiß ich mittlerweile kurz und bündig und dann kommt es hoffentlich an. Ja, also ich habe mich dann kundig gemacht und das Auffallendste war im Grunde genommen auch dann das Jahr 2022. Also es starb meine Schwiegermutter und mein Mann reagierte gar nicht. Also er war wie zu einer Salzsäule erstarrt. Und mein Schwager und ich, wir haben dann die Formalitäten und alles, was dazugehörte, auch zusammen mit unserer Familie bewältigt. Und im Anschluss danach habe ich einen Neurologen aufgesucht. Es war natürlich in der Zwischenzeit auch die Corona-Zeit, was gar nicht so einfach war. Und der Neurologe kannte meinen Mann schon, weil er vor Jahren wegen einer Facialis Parese, also einer Gesichtslähmung, bei ihm in Behandlung war. Und der hat sehr schnell bei den Tests, also diesem MMST-Test, beim Uhrentest im Gespräch, hat er sehr schnell eben geäußert, es sei eine Alzheimer-Demenz. So, die Diagnose stand. Und ich muss ganz ehrlich sagen, bei aller Unsicherheit, die da war, war auch ein Funken Erleichterung da. Wir wussten jetzt, woran wir sind.
Ich wollte gerade fragen, das war ja dann auch davor eine ganze Weile, in der diese Unsicherheit oder das Unwissen da war. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie dachten, was dahinter steckt und wie es Ihnen damit überhaupt ging?
Also ich glaube, dass tatsächlich mein Mann auch seine Defizite bemerkt hat. Also er äußerte zwischendurch mal, ich habe so ein, wie hat er das noch ausgedrückt, so ein Schwirren im Kopf. Also da ist so eine Bewegung in meinem Kopf. Und ich merke jetzt nach sieben Jahren, und ich denke, damit hängt das wirklich auch stark zusammen, er hat sich absolut verändert und ich finde zu seinem Besseren. Und ich merke, dass er häufig sagt: „Du weißt das alles so gut.“ Und „Wie gut, dass du dich auskennst.“ Und ich denke, das ist wirklich diese Unsicherheit, die im frühen Krankheitsstadium einfach auch da ist. Was ist mit mir los? Ich weiß das nicht mehr. Ich wusste das doch immer oder ich konnte das doch immer.
Mein Mann war ein sehr guter Handwerker. Also er hat wirklich sehr praktisch veranlagt, vieles gemacht, was ich nach und nach selber übernommen habe und bin Gott sei Dank auch nicht unpraktisch, was ein Glück ist. Ja, ich bin Inneneinrichterin, also im Grunde genommen habe ich schon mit diesem Thema eher mit äußeren Räumen und später auch im Laufe der Zeit auch durch eine eigene schwere Erkrankung mehr mit inneren Räumen zu tun gehabt. Das heißt, ich habe mich weitergebildet. Ich bin Gesundheitstrainerin, ich bin Achtsamkeitstrainerin, Entspannungs- und Klangpädagogin. Das ist ganz viel Wissen. Aber das abzurufen in einer ureigenen, ganz persönlichen Situation ist nicht so einfach gewesen.
Wie hat sich denn Ihr innerer Raum oder den Raum, den Sie und Ihr Mann geteilt haben, verändert durch die Erkrankung?
Also ich habe zunächst angefangen, ich bin so eine begeisterte Verfechterin des lebenslangen Lernens. Also ich habe erstmal ganz viel gelesen, ich habe mich erstmal kundig gemacht. Und ich habe erfahren, also ich habe auch eine Schulung gemacht bei der Alzheimer-Gesellschaft. Ich habe erfahren, dass es, wie ich mit ihm umgehen kann, dass es auch für uns beide oder für unsere Familie auch leichter wird. Das heißt, ich habe mich kurz gefasst, ich habe versucht auch, was aber immer schwerer möglich war, ihn zu aktivieren zu Dingen, die ihm vorher Spaß gemacht haben.
Was hat er denn gerne gemacht zum Beispiel?
Also mein Mann hat zum Beispiel in einer Band Saxophon gespielt. Also zur Musik ihn wieder zu motivieren. Er ist begeisterter Fußballer, begeisterter Sportler, lange Spaziergänge mit ihm gemacht, versucht eine Tagesstruktur hinzubekommen, was wirklich schwierig war. Denn mein Mann war immer ein sehr selbstbestimmter Mensch. Er ist Bauingenieur und war auch viel beruflich wirklich unterwegs. Und von daher plötzlich sich in neue Lebensumstände hineinzufinden, war für ihn schwierig, war für mich schwierig und auch für unsere Familie. Also es ist ein Weg, ganz einfach.
Und so von der anfänglichen Begleitung bis hinterher wirklich zur Unterstützung in der Pflege. Das schleicht sich so hin. Es ist schon eine lange Zeit, dass ich mich dabei trotz allem gelernten oder auch weitergegebenen Wissen zeitweise aus dem Blick verloren habe. Ich kann es gut verstehen jetzt im Nachhinein. Ich habe wieder Kraft. Ich bin froh, dass sie wieder da ist und dass Leichtigkeit, wie Sie schon sagten, auch in diesem Jahr wieder eingekehrt ist. Aber so die beiden letzten Jahre, die waren wirklich richtig schwer.
Ich habe erst überlegt, soll ich es erzählen, weil ich möchte natürlich auch, jeder Fall ist anders. Sicher. Oder jede Situation. Die Menschen sind sehr individuell. Und ich möchte dazu Aufklärung beitragen und ich möchte nicht verschrecken. Also das sage ich ganz einfach jetzt auch nochmal dazu Ja.
Ja, ich glaube, es ist immer eine Balance zwischen wirklich aussprechen dürfen und auch können, wie es ist und wie es war. Und gleichzeitig aber auch irgendwie den Mut nicht verlieren oder das Gute auch mit rausnehmen. Können Sie sich denn erinnern, gab es so einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, Sie hatten mir im Vorgespräch erzählt, Sie haben sich lange allein gekümmert und so die Pflege und Betreuung selbst übernommen. Gab es so einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass Sie was ändern müssen, dass das so nicht mehr gut geht?
Ja, also das gab es. Es gab 2024 einen deutlichen Punkt, dass ich gemerkt habe, ich schaffe es körperlich und seelisch nicht mehr. Also ich kriegte einen Bandscheibenvorfall und ich hatte eine Augen-OP, die schiefgelaufen war. Und dadurch waren eben auch Gangstörungen, Schwindelgefühle da. Ich verlor an Gewicht, hatte massiven Haarausfall. Also es waren wirklich sehr viele Aufmerksamkeitsmacher. Und ich habe dann begonnen, wirklich auch meinen Mann in eine Tagespflege, bei uns in der Nähe, eine sehr gute Tagespflege erleichtert. Dorthin zu begleiten, morgens um neun und ihn um 16 Uhr wieder abgeholt. Hatte erst einen Tag ihn dort und durfte hinterher ihn drei Tage bringen. Das war schon eine große Erleichterung für mich.
Und habe in der Zeit begonnen, mich über die Pflegeheimsituation hier kundig zu machen.
War das eine große Hürde?
Ja, also es war erst rein über den Verstand, muss ich sagen. Ich habe wirklich mein Inneres einfach vor die Tür gestellt erst mal. Ich habe wirklich es rein über den Kopf, über die Ratio gemacht.
War das eher so, sag ich mal, Interesse für was wäre, wenn oder tatsächlich auch so dieses im Bewusstsein, ich muss uns ja irgendwie drauf vorbereiten oder ich möchte das irgendwie besser planen können?
Es ist beides gewesen. Also es ist wirklich dieses, einen Plan zu haben, einen Plan A und einen Plan B, also der schließt sich auch langsam ein, wirklich, dass ich merkte, es stellten sich, mein Mann lief und das tut er immer noch. Auch im Heim, mein Mann lief viel weg. Ich musste wirklich alles abschließen, das ganze Haus, alles kontrollieren. Und sein Tag-Nacht-Rhythmus stellte sich völlig um. Also ich schlief in der Nacht nur noch zwei, drei Stunden dann. Also ich mache es einfach mal offen. Es ist tatsächlich auch das Thema Inkontinenz. Zunächst habe ich versucht, mithilfe eines Hilfsmittellieferanten irgendwie hinzukriegen. Aber letztendlich war es wirklich so, dass ich sehr beschäftigt war auch mit Reinigungsaufgaben, Toilette.
Was wirklich sehr gut war, mein Mann ist problemlos in ein ehemaliges Kinderzimmer eingezogen. Dadurch hatte ich etwas mehr Ruhe. Aber ich musste wirklich auch alles zustellen. Ich habe eine Glocke neben sein Bett getan, dass er nach mir läuten konnte. Ich habe die Toilettentüren beschriftet mit einer laminierten Folie, dass er Bescheid wusste.
Also das waren alles so erste Schritte, die halfen, aber eigentlich wie so ein Tropfen auf dem heißen Stein mit der Zeit wurden. Und ja, dann habe ich wirklich sehr gemerkt an Weihnachten 2024, auch durch meine Familie oder unsere Söhne mit ihren Familien, die bei uns dann waren. Auch die haben es gemerkt, dass sie sagten: "Das geht nicht mehr mit dem Papa. Du schaffst das nicht. Also du kommst überhaupt nicht mehr zu dir. Du schaffst das nicht mehr.“
Sie fragten nach einem Moment des Erkennens mit einem Stups. Also ich habe wirklich so ein bisschen Rückenantrieb nochmal gebraucht durch meine Söhne und auch gemerkt, sie verstehen mich und sie stehen hinter mir. Und das war auch sehr wichtig für mich, dass wir wirklich in einem Boot auch sind. Und dann habe ich wirklich im Januar, ich hatte zuvor im Herbst schon einen Pflegeplatz abgesagt, Und dann bin ich wirklich ganz aktiv geworden im Januar. Dann habe ich Nägel mit Köpfen gemacht, bin wirklich zu diesen drei in Frage kommenden Heimen, habe nochmal um den Warteplatz gebeten und habe eine Kur beantragt. Und das war ein Riesenschritt, etwas auch für mich zu tun. Und dann ging das tatsächlich. Ich wollte meinen Mann eigentlich erst in die Verhinderungspflege geben. Und dann wurde mir die Kur bewilligt und dann habe ich schon die Option erbeten, wenn es meinem Mann gefällt im Heim, ob er dann dableiben dürfte.
War das auch der Kopf, die Vernunft, die das gefragt hat?
Nein, es war auch der Bauch. Es war auch der Bauch, weil ich gemerkt habe, das ist ein Heim. Mein Mann ist immer Fußballspieler gewesen, fußballbegeisterte Familie, direkt in der Nähe des Fußballplatzes. Da dachte ich, wunderbar, da können wir unsere Spaziergänge nmachen. Und es sagte mir von der Atmosphäre zu und es ist tatsächlich nur zehn Minuten von mir entfernt, sodass ich mit unserem Hund, und das ist sehr schön und das ist ein richtiger Freudenbringer auch fürs Heim, für alle, die da sind, auch wirklich immer zu ihm hin konnte.
Und dann habe ich gemerkt so. Und es entwickelte sich ein schwieriges 2025, muss ich leider sagen. Und auch es ist mit Sicherheit nicht typisch, aber es war ganz einfach so. Die Unruhe war da bei meinem Mann, auch im Heim. Mein Mann stürzte, mein Mann musste ins Krankenhaus, was insgesamt 20 25, neunmal passierte.
So, und dann war er wieder zurück im Heim und dann bin ich tatsächlich in die Kur gefahren. Ich hatte mich rückversichert. Mein ältester Sohn wohnt 40 Kilometer entfernt. Er war da mit seiner Familie und hat sich wirklich darauf eingestellt. Mein jüngerer Sohn wohnt in Hamburg, also das sind vier Stunden entfernt. Er war aber auch in Rufbereitschaft und ich bin gefahren. Und ich habe mich vom ersten Tag an so wohl gefühlt und es hat mir so gut getan. Und nach einigen Tagen kam der erste Anruf: Papa ist wieder im Heim und hat eine Lungenentzündung. Und dann gingen wirklich die Gespräche los. Kann ich die Kur abbrechen? Ist sie dann weg? Was tue ich?
Was war Ihr erster Gedanke? Abbrechen und nach Hause fahren?
Ja, mein erster Gedanke war ganz klar. Ganz klar, üblicher Impuls, ich muss doch für meinen Mann da sein. Ganz selbstverständlich, Unruhe, schaffen die das? Also alte Muster kamen da auch zum Vorschein wieder. Kann ich die Verantwortung abgeben? So, und dann habe ich, und das war entscheidend für mich, einen ganz, ganz langen Spaziergang alleine in der Natur gemacht. Und da ist es mir gelungen, wirklich auch Abschied zu nehmen. Ich habe wirklich auch gespürt, wenn es dann so sein soll, kann ich das Schicksal meines Mannes, ich bin ein gläubiger Mensch, in Gottes Hände legen, kann ich loslassen und kann auch die Verantwortung an meine Söhne weitergeben. Und sie waren da. Also mein jüngster Sohn ist aus Hamburg gekommen. Mein ältester Sohn. Die waren da und haben für den Papa wirklich gesorgt. Und es war ein so gutes Gefühl für mich. Es hat so gut getan auch. Und ich durfte bleiben. Mein Mann kam wieder zurück ins Heim, was ja heute sehr schnell der Fall ist.
Es stellte sich ein Bolus in der Lunge heraus und er musste wieder zurück ins Krankenhaus. Und diesmal war wirklich die Lungenentzündung lebensbedrohlich. Ich bin wirklich um Entscheidungen seitens des Krankenhauses gefragt worden. Die habe ich dann getroffen, habe das mit meinen Söhnen besprochen. Das war schwer. Also es war wirklich ganz schwer. Aber ich habe auch Vertrauen gehabt. Ich habe auch Vertrauen gehabt, dass es so wird, wie es gut ist für uns alle. Also das hat sich wirklich bei mir auch tragend entwickeln können, auch für die Zukunft. Und das war auch ein ganz gutes Gefühl.
Ist dieses Vertrauen auf andere, auf Gott, auf was auch immer, ist das wichtig, um loslassen zu können?
Also ich finde, Vertrauen ist schon sehr wichtig. Auch Vertrauen in das medizinische Personal im Krankenhaus. Auch Vertrauen, also es hat an manchen Ecken wirklich auch im Heim gezwickt und gezwackelt. Also wir mussten uns wirklich vertrauen. Wirklich, ich war sehr in Sorge, auch meine Söhne. Wir hatten auch ein bisschen Scheuklappeneffekt. Ich musste mich wirklich auch, manchmal habe ich darum gebeten, rausgehen zu dürfen bei Gesprächen, um tief durchatmen zu können und ruhig wieder ins Gespräch hineingehen zu können. Weil mein Mann ist nicht der Einzige. Es sind auf der Station noch 20 andere Heimbewohner. Und das ist auch bei allem Goodwill vom Pflegepersonal und bei allem Können muss man das auch sehen, dass das wirklich eigentlich nur funktioniert. Und das tut es, finde ich, jetzt mittlerweile als Team. Und ich glaube, das sind wir jetzt mittlerweile in diesem Jahr.
Also so ab Dezember hat sich wirklich Entspannung eingestellt. Und ich hätte die Pflege nicht leisten können. Ich bin einverstanden. Ich bin einverstanden, dass mein Mann dort in guten Händen ist.
Wenn Sie jetzt quasi anderen Angehörigen dann Rat oder eine Idee geben würden aus Ihrer Erfahrung. Worauf kommt es denn an, dass man so ein Team wird oder dass das gelingt?
Dass man, sage ich mal, sich im Heim geborgen fühlt oder wohlfühlt, dass es funktioniert mit der Kommunikation, mit dem Miteinander, dass man vertrauen kann? Also ich glaube, es ist so. Ich habe für mich entschieden, ich gehe das Schritt für Schritt an.
Also es wuchs mir manchmal über den Kopf, weil auch sehr viel Bürokratie auch dann da ist, die bewältigt werden will. Also es war wirklich auch sehr viel. Aber ich habe mir immer wieder gesagt auch und ich habe gemerkt, also die Kraft kam auch beim Tun und beim Gehen. Also es war wirklich so, dass ich manchmal im Rückblick auch über mich gestaunt habe und auch über meine Söhne, wie wir das auch zusammen hinbekommen haben und mir dann auch mal so auf die Schulter geklopft habe und dachte, ja, wenn man wirklich im Team ist und gut miteinander ist und auch reden kann. Und Unterstützung ist Gold wert.
Also es ist wirklich so wichtig, da ein gutes Unterstützungsnetzwerk zu haben. Das hat sich auch ausgewirkt, sowohl auch bei den Ärzten, muss ich sagen. Ich konnte viel auch mit dem Neurologen. Es ging natürlich um die Unruhe, es ging um das Weglaufen, es ging um die Stürze auch. Also auch wirklich geguckt und abgestimmt, was ist das, was mein Mann auch braucht an Medikamenten. Auch, dass ein bisschen das Pflegepersonal entlastet wird. Also es war nicht einfach, dieses Thema. Aber auch bei der Unterstützung, die mein Mann bekam. Also er war erst im Rollstuhl und dann hatte er einen Gehwagen, so wie Kinder auch einen Gehwagen kriegen, den das Heim wunderbarerweise zur Verfügung gestellt hat.
Und ich bin wirklich jeden Tag hin, habe mit ihm geübt und wir sind gelaufen. Und ja, dann kam der Rollator und ab August mein Mann bekam Physiotherapie, bekam Ergotherapie. Die Logopädin hat zehn Monate die Schluckstörung behandelt, weil er nur passierte Kost bekommen durfte. Also mein Mann läuft wieder, zwar nicht mehr so wie früher, aber er läuft an meiner Hand. Wir machen mal etwas längere, mal kürzere Spaziergänge. Es kommt Dankbarkeit auch. Man ist sehr weich geworden. Also es kommen wirklich auch schöne Glücksmomente, Sätze, die ich aufschreibe. Das ist auch so.
Ist es wichtig, das aufzuschreiben? Schon, oder?
Das Aufschreiben ist wichtig, finde ich. Das ist schon wichtig. Ich habe ein Glas gehabt, wo ich auch Glücksmomente hineingetan habe. Aber ich habe mir auch angewöhnt, ich bin einfach auch eine Klangfrau. Also ich habe morgens mir die Klangschale auf den Bauch gestellt. Ich habe gedankt für die gute Nacht, die ich habe und wirklich auch für das, was am Tag anliegt, mich darauf vorbereitet. Und es sind die kleinen Momente. Es sind wirklich die kleinen Momente. Eine nette Begegnung, ein Lächeln, ein klar verständlicher Satz, der kommt. Es sind die kleinen Momente, die wirklich auch dann entweder in das Glas oder in das Buch, auf jeden Fall in meine innere Schatztruhe hineinwandern.
Das ist ein total schönes Bild, die innere Schatztruhe. Ich würde gerne noch mal wissen, mich interessiert, beim Umzug jetzt direkt auch ins Heim, gibt es etwas, auf das Sie Wert gelegt haben, was Sie vielleicht Ihrem Mann auch mitgegeben haben als Kind?
Ja, ein Stück von zu Hause und so als Wohlfühlgefühl. Ja, also das war mir wirklich sehr wichtig. Das hatte ich mir auch schon relativ, es ging zügig. Als ich die Entscheidung getroffen habe, dann ging es wirklich schnell. Ich habe mir das Auto vollgepackt, mein ältester Sohn hat auch geholfen dann und der Lieblingssessel meines Mannes kam mit. Es ist ein Zimmer, natürlich relativ klein, Quadratmetermäßig. Aber ich habe versucht, mit gelben Accessoires, also eine gelbe Tischdecke, gelbe Stühle.
Warum gelb?
Ach, waren wir so. Also erstmal war in seinem Lieblingssessel sowieso schon ein gelbes Kissen. Das hat schon ein bisschen die Richtung vorgegeben. Und ich finde, das Zimmer ist insofern sehr schön. Der Blick geht weit auf den Berg, in die Ferne, in die Weite. Und das ist hier bei uns zu Hause auch. Und ich wollte das einfach öffnen fürs Licht. Und es kamen Bilder mit, mein Mann ist Segler gewesen. Es kamen Familienfotos aus seiner Herkunftsfamilie. Es kamen Fotoalben von der Familie meines ältesten Sohnes über die Jahre, auch wo wir immer Gesprächsstoff hatten. Ich erzähle natürlich deutlich mehr, mein Mann hört zu, wenn er dann mag und ein wirklich großes Freudenbild von der Hochzeit meines jüngsten Sohnes mit seiner Tine 2023 und nur lächelnde Gesichter, nur gute Stimmung und wir kommen rein ins Zimmer, das geht nicht nur meinem Mann so, der kann das Bild sehen, wenn er im Bett liegt und auch so jeder, der neu reingekommen ist, der schaut und freut sich. Und auch unsere Hündin Frieda ist da. Und auf dem Bild hängt übrigens auch an der Eingangstür bei meinem Mann mit einem laminierten Fußball- und Bayern-München-Schild, damit er einen Wiedererkennungseffekt hat auch. Und ja, es mal gelingt, es mal gelingt es nicht. Also es ist einfach so. Ja, aber das war schon etwas auch, auch Blumen, die ich dann immer aus dem Garten mal mitbringe und ja, ein liebster Opa-Becher und Malutensilien. Also mein Mann hat immer gerne gemalt und das ist ganz gut, wenn die Enkelmädchen zu Besuch kommen. Die Älteste ist elf, die Jüngste ist fünf und sieben, eben die Mittlere, die malen mit dem Opa dann, wenn er dann will. Also er will natürlich nicht immer, manchmal will er auch nur zugucken, aber es ist so ein kreatives Tun, was dann auch die Wand seines Zimmers schmückt. Und das ist schön, finde ich.
Wie geht es Ihnen heute? Also wenn Sie so ins Heim gehen zum Besuchen, mit was für einem Gefühl gehen Sie hin und mit welchem gehen Sie nach Haus?
Also ein bisschen mulmiges Gefühl. Es dauert eine Weile, das wie die Ereignisse des letzten Jahres auch loszulassen. Also, ich schlage meine Klangschale an. Ich gehe bewusst hinein ins Heim. Ich nehme oft unsere Frieda mit und schon erscheint ein Lächeln auf den Gesichtern. Ich setze sie auch oft auf den Schoß der anderen Heimbewohner. Auch das Personal freut sich.
Also es ist eigentlich gefühlsmäßig schon, wie soll ich das sagen, schon eine Einladung. Es ist irgendwie leichter geworden. Es ist annehmend, akzeptierend, so wie es eben jetzt ist. Und wenn Sie fragen, ich bleibe eine Weile, ich laufe so manches Mal mit meinem Mann. Manchmal spielen wir auch Karten, mau mau, nach seinen Regeln oder Mensch, ärgere dich nicht. Bin ich, aber auch freue ich mich, weil ich habe mich gut jetzt in das Alleinsein eingefunden.
Was wirklich auch ein Weg gewesen ist. Ein innerer Weg, der nicht einfach war. Wir kennen uns schon ewig und hatten eine goldene Hochzeit. Also von daher vom Alter, auch von der Vorstellung her. Das ist sehr, sehr viel Gemeinsames. Und auch da, das geht mir ja nicht verloren. Ich habe es ja in meinem Inneren. Ich trage es ja bei mir. Und jetzt nehme ich wirklich auch das, was mir an Möglichkeiten auch gegeben ist, dadurch, dass ich jetzt hier sein kann. Also ich habe wieder ein Stück weit meine Entspannungs- und Klangpraxis geöffnet. Ich habe wieder Klienten, die kommen können zu mir und auch gerne kommen wollen.
Ich freue mich, wenn ich in den Garten gehen kann. Es ist viel, es ist manchmal wirklich einiges, was da auch auf mich wartet, aber trotzdem diese Momente, die jetzt, ich sage mal, ein bisschen frech „störungsfrei“ sind, nehme ich dankbar an. Auch wirklich. Ich habe gemerkt, im letzten Jahr konnte ich keine Musik hören. Ich höre wieder Musik. Ich merke auch, mein Inneres hat sich geöffnet. Und es tut mir gut.
Wenn Sie Ihren Weg jetzt so beschreiben, gibt es etwas, was Sie gerne schon früher gewusst hätten oder gerne früher anders gemacht hätten?
Ich finde, auf die Erkrankung Demenz kann man sich nicht vorbereiten. Oder auf die Länge der Erkrankung. Es ist ja in der Regel schon ein längerer Weg. In dunkleren Momenten glaube ich, die Zuversicht, die immer wieder vorzuholen, wirklich schwer. Ich bin sehr gerne auf meiner Lieblingsinsel Norderney. Und ich habe auch eine Seminargruppe, die seit 18 Jahren mit mir dorthin kommt. Eine Frauengruppe nach Krebs. Und mittlerweile ist das unsere Allerlieblingsinsel. Mit jeweils den Themen, die auch dran sind. Ich bereite sie vor. Ich habe zum Beispiel auch das Thema Glück gemacht. Oder Genusstraining auch mit dabei.
Also ich habe meinen Mann auch mit dabei gehabt, noch 2024, was wirklich sehr anstrengend war. Aber es geht mehr, als man denkt. Also es ist mehr möglich, als man denkt. Aber wirklich dieses Achte auf deine Grenzen, das halte ich wie ein Stoppschild hoch. Also das ist mir tatsächlich bei allem Wissen auch ab und zu mal davongeschwommen. Ich habe mir eine Erinnerungsmuschel vom Strand von Norderney in meine Tasche gesteckt, dass ich wirklich auch immer wieder so daran denke, atme oder komm, geh einmal an die frische Luft oder tu eine Kleinigkeit für dich. Also das waren wirklich so kleine Hilfsanker, die ich mir dann genommen habe und bekam.
Das war gut so und das kann ich wirklich nur jedem, es ist unterschiedlich, jeder wird etwas finden, jede wird etwas finden, was wirklich auch klein ist, in die Tasche reinpasst und erinnert oder auf den Tisch passt dann auch.
Ja, vielen Dank. Vielleicht zu guter Letzt noch, Ihre Söhne sind ja, glaube ich, ganz, ganz wichtig, auch in diesem Prozess jetzt. Sind die auch als Familie, beziehungsweise wie haben sie sich dann neu eingefunden, auch mit der Heimsituation zusammen? Kinder kommen auch mit ins Pflegeheim, oder?
Ja, selbstverständlich können die Kinder auch mit ins Pflegeheim. Also mein ältester Sohn hat ein soziales Jahr gemacht, also ein freiwilliges Jahr damals zwischen Abi und Studium. Der ist relativ zupackend mit der Situation einfach umgegangen. Und seine elfjährige Tochter. Sie ist uns sehr nah, wie alle beiden weiteren Enkelkinder auch. Die hat sich sehr zusammengerissen, wenn sie beim Opa war. Und wenn sie bei uns zu Hause, dann war flossen die Tränen. Das war einfach dann auch so.
Meine Schwiegertochter hat sich um Klettverschlussschuhe, um Bündchenhosen, also wunderbar, auch um Airtag, was sehr wichtig war für die Schuhe, dass wir meinen Mann orten konnten, was total wichtig war, gekümmert. Also das war schon hervorragend. Und unsere Hamburger Familie, meine Schwiegertochter ist Zahnärztin, verstand also medizinisch auch eine ganze Menge. Ich konnte sie fragen. Mein Sohn hat mir auch jetzt geholfen bei der Einrichtung für unser Gespräch.
Vielen Dank an dieser Stelle.
Das war toll. Da habe ich mich total drüber gefreut. Die kleinen Mädchen sind zunächst ein bisschen befangen, wenn sie zum Opa kommen. Aber sobald wir, so wie jetzt bei Sonnenschein, sagen, sie kommen auch heute Abend aus Hamburg, wir gehen Eis essen, das ist für meinen Mann das Größte. Dann ist wirklich die Welt wieder in Ordnung. Und dann wandern wir zum Eiskaffee hier am Ort und sitzen ein bisschen beieinander. Und es fühlt sich ein bisschen wie Normalität an. Und das ist gut, auch so normale Momente zu schaffen. Ganz normale Momente. Und Überraschung kommt immer. Und da flexibel zu sein, also ein tolles Beispiel, das darf ich nicht vergessen. Mein ältester Sohn ist begeisterter Tennisspieler. Und der hat dem Papa einfach, weil er ein Medienspiel hatte, den Tennisschläger in die Hand gedrückt. Und mein Mann hat es geschafft, wirklich den Ball, ich glaube, 16, 18 Mal wirklich rauf und runter zu bewegen. Also im Langzeitgedächtnis, das steckte drin. Das war also wirklich, mein Sohn hat geistesgegenwärtig ein Video gedreht. Wir haben gestaunt. Also es ist, und das macht Freude, dann auch doch, es ist wirklich, und das möchte ich wirklich auch nochmal deutlich sagen,
Das eine ist wirklich, man schaut davor. Aber das andere ist, und das wissen wir nicht genau bei demenzerkrankten Menschen, wie viel wirklich an der Wahrnehmung, an der inneren Bearbeitung, was vielleicht auch Unruhe oder Aggression auch mal machen kann, wie viel sich da abspielt. Da ist in diesem nebulösen Raum wirklich noch ganz, ganz viel drin. Und das wirklich auch, sich immer wieder auch in schweren Momenten in Erinnerung zu rufen, ist wichtig. Da ist viel. Und das macht es leichter auch.
Ja, vielen Dank, liebe Frau Horsmann. Vielen Dank, dass Sie hier heute Gast waren und so offen erzählt haben. Das war für mich jetzt auch ein sehr berührendes Gespräch. Ich nehme daraus mit, wie wichtig Familie letztlich ist.
Ja, total.
Menschen, die offen damit umgehen und aber auch den Mut haben, Dinge zu verändern, weil ich glaube, diese Krankheit bringt halt so viele Veränderungen mit sich. Wir rennen da manchmal hinterher und haben gar nicht so die Chance, aber es ist halt doch irgendwie gut, wenn man vielleicht mutig einen Schritt gehen kann. Und auch dieser Umzug ins Pflegeheim ist oft so ein Schreckgespenst. Ich habe das Gefühl, im Gespräch mit vielen anderen, das ist so quasi das Letzte. Also erst wenn gar nichts mehr geht, dann entscheidet man sich fürs Pflegeheim. Aber tatsächlich von Ihnen zu hören, dass damit auch sehr viel Normalität und auch Familienalltag einhergeht, fand ich sehr schön.
Eine allerletzte Frage noch, wenn Sie anderen Angehörigen einen Satz mitgeben könnten auf ihrem Weg, welcher wäre das?
Jetzt ist dein Tag. Gestern ist schon vorbei. Morgen kommt erst noch. Mach daraus deinen besten Tag.
Danke.
Danke.
Zum Abschluss habe ich noch ein paar Neuigkeiten von Desideria. Desideria ist ein Verein, der sich für Angehörige von Menschen mit Demenz einsetzt, mit verschiedenen Angeboten. Und eines von diesen Angeboten sind die Angehörigenseminare. Die finden in der Regel digital statt. Die Teilnehmenden treffen sich in einer kleinen Gruppe von maximal acht Personen, werden angeleitet von einem erfahrenen Therapeuten oder einer Therapeutin.
Es gibt dabei ganz viele wertvolle Informationen rund um Demenz und Strategien für den Alltag. Vor allem sind diese Seminare aber so gut, weil sie einen geschützten Raum einfach bieten, um sich mit anderen Angehörigen auszutauschen.
Dieses Angebot ist für Teilnehmende aus Deutschland kostenfrei. Es fangen demnächst wieder neue Seminare an. Die Links und weitere Informationen findet ihr alle in den Shownotes. Das war „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“. Heute mit meinem Gast, Hella Horsmann. Vielen Dank, dass Sie da waren.
Sehr gerne. Ich hoffe, dass ich ein bisschen Mut machen konnte.
Ganz sicher. Danke Ihnen.
Danke Ihnen auch.
„Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“.
Redaktion Peggy Elfmann.
Produktion Till Wollenweber.
„Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“. Empfehlt diesen Podcast gerne weiter. Alle Folgen und Informationen findet ihr in den Shownotes, auf lebenliebenpflegen.de und auf Instagram unter desideria.ev.