Loslassen heißt nicht im Stich lassen
Wenn Fürsorge zur Selbstverständlichkeit wird
Für viele Angehörige ist es selbstverständlich: Wenn der Partner, die Mutter oder der Vater mit Demenz Hilfe braucht, möchte man da sein. Man übernimmt Verantwortung, organisiert, begleitet, pflegt – und versucht oft lange, möglichst alles selbst zu schaffen.
In der aktuellen Demenzkolumne erzählt Désirée von Bohlen und Halbach von Hella Horsmann, die während einer Kur erfährt, dass ihr an Demenz erkrankter Mann ins Krankenhaus gekommen ist. Ihr erster Impuls: sofort nach Hause fahren. Doch dann stellt sie sich eine entscheidende Frage: Muss wirklich immer sie diejenige sein, die sich kümmert – oder darf sie darauf vertrauen, dass auch andere gut für ihren Mann sorgen können?
Loslassen ist nicht dasselbe wie Aufgeben
Gerade Angehörigen von Menschen mit Demenz fällt Loslassen oft schwer. Es kann sich anfühlen, als würde man den geliebten Menschen im Stich lassen oder der eigenen Verantwortung nicht mehr gerecht werden.
Doch Loslassen kann etwas ganz anderes bedeuten: sich von der Vorstellung zu verabschieden, alles kontrollieren und allein bewältigen zu müssen. Gute Fürsorge heißt nicht zwangsläufig, rund um die Uhr selbst da zu sein.
Demenz verändert Beziehungen und Rollen
Mit einer Demenzerkrankung verändern sich häufig auch die Rollen innerhalb einer Familie. Aus Partnerinnen und Partnern werden zunehmend Begleitende, aus Töchtern und Söhnen Organisierende, Fürsprechende oder Entscheidungsträger.
Viele Angehörige versuchen lange, diesen Veränderungen mit noch mehr Einsatz zu begegnen – aus Liebe und Verantwortungsgefühl, manchmal aber auch aus Schuldgefühlen. Dabei kann irgendwann die Frage wichtiger werden: Was braucht der Mensch mit Demenz wirklich – und wer kann diese Unterstützung am besten geben?
Verantwortung teilen kann Fürsorge sein
Manchmal ist es eine professionelle Pflegekraft, die nachts besser unterstützen kann. Manchmal bietet eine Pflegeeinrichtung den Rahmen, den eine Familie zu Hause nicht mehr leisten kann. Verantwortung abzugeben bedeutet dann nicht, weniger da zu sein.
Im Gegenteil: Die eigenen Grenzen anzuerkennen und Hilfe anzunehmen, kann wieder Raum schaffen für Nähe, gemeinsame Augenblicke und Beziehung – statt für permanente Überforderung und Erschöpfung.
Loslassen ist kein Zeichen von Resignation. Es kann eine bewusste Entscheidung dafür sein, Verantwortung zu teilen und die eigene Rolle neu zu verstehen.
Denn Fürsorge bedeutet nicht, alles allein schaffen zu müssen. Manchmal entsteht gerade durch das Loslassen wieder mehr Raum für das, was am Ende wirklich zählt: füreinander da zu sein.