Viele pflegende Angehörige zögern, ihre Pflegesituation im Unternehmen anzusprechen. Die Sorge vor Stigmatisierung oder beruflichen Nachteilen ist groß. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch? Wie gelingt der erste Schritt? Und warum profitieren nicht nur Mitarbeitende, sondern auch Unternehmen von einer offenen Unternehmenskultur? Darüber haben wir mit unserer Vorständin Anja Kälin gesprochen. Sie ist systemische Beraterin, zertifizierte Demenz-Trainerin und weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd es ist, Job und Care-Arbeit unter einen Hut zu bekommen.
Liebe Anja, viele Angehörige haben Angst, ihre Pflegesituation im Unternehmen anzusprechen. Wie gelingt der erste Schritt?
Ich habe für mich selbst erlebt, dass irgendwann der Punkt kam, an dem sich die Situation nicht mehr verstecken oder wegorganisieren ließ. Meine Mutter, die eine Demenz-Diagnose hatte, rief während meiner Arbeitszeit immer wieder an. Ich musste Meetings verlassen oder ständig unterbrechen. Irgendwann habe ich mich gefragt: Was wirkt eigentlich merkwürdiger? Dass meine Kolleginnen und Kollegen mein Verhalten nicht verstehen und ich zum Beispiel ständig aus Meetings raus muss – oder dass ich offen sage, warum das gerade so ist?
Deshalb habe ich mich entschieden, das Gespräch zu suchen. Das hat sich für mich stimmiger angefühlt.
Mit wem hast du zuerst gesprochen?
Mit meiner Vorgesetzten. Ich habe ihr erklärt, dass meine Mutter zunehmend Unterstützung braucht und dass sich das auch während meiner Arbeitszeit bemerkbar macht. Die Diagnose habe ich zunächst noch gar nicht genannt. Ihre Reaktion war sehr wertschätzend. Sie war froh, dass ich sie ins Boot geholt habe und gesagt, dass wir nun schauen, wie wir es hinbekommen. Das war eine große Entlastung. Danach konnte ich auch einige enge Kolleginnen und Kollegen mitnehmen.
Wann ist aus deiner Sicht der richtige Zeitpunkt für ein solches Gespräch?
Ich würde schon dafür plädieren, dass Mitarbeitende zunächst selbst Verantwortung für die Situation übernehmen. Das heißt, dass ich mich über die Erkrankung sowie über meine Rechte informiere, Unterstützungsangebote nutze und ein Pflegenetzwerk aufbaue. Und so zu schauen, dass ich möglichst viel möglichst lange abfange. Wenn die Belastung aber im Arbeitsalltag sichtbar wird, halte ich ein offenes Gespräch für wichtig. So entstehen keine Missverständnisse oder falschen Zuschreibungen. Wer sich bereits mit der eigenen Situation auseinandergesetzt hat, kann auch souveräner darüber sprechen. Wichtig ist, nicht erst zu warten, bis alles zusammenbricht. Pflege ist ein Marathon, kein Sprint.
Vielen fällt genau dieses Gespräch schwer. Was kann helfen?
Ich kann mir dazu zum Beispiel ein Coaching nehmen. Gerade im Berufsleben sind Coachings für schwierige Situationen längst selbstverständlich. Und wenn ich mir einen Coach suche, der sowohl das Berufliche als auch das Lebensweltliche abbildet und mir helfen kann, bei meinem Arbeitgeber auch die Thematik Vereinbarkeit anzusprechen, dann hab ich die beste Unterstützung, um mich auch auf so ein Gespräch vorzubereiten. Natürlich geht jeder Mensch anders mit seiner Situation um. Manche sprechen sehr offen darüber, andere möchten Berufliches und Privates lieber trennen. Das ist völlig in Ordnung und daran muss man ja auch nicht rütteln. Trotzdem gibt es oft einen Punkt, an dem Unterstützung hilfreich wird. Und der direkte Vorgesetzte ist ja auch nicht immer die einzige mögliche Ansprechperson. Je nach Unternehmen können auch Pflegelotsen, betriebliche Gesundheitsangebote, externe Beratungsprogramme, Betriebsärzte oder die Personalabteilung unterstützen.
Warum lohnt es sich auch für Unternehmen, das Thema Pflege aktiv aufzugreifen?
Weil die Kosten durch Fehlzeiten oder den Verlust erfahrener Fachkräfte häufig deutlich höher sind als frühzeitige Unterstützung. Wenn Unternehmen mit ihren Mitarbeitenden im Gespräch bleiben, lassen sich oft individuelle Lösungen finden – statt dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aus dem Beruf aussteigen. Wenn ich das Thema Pflegesituation meiner Mitarbeiter bei Führungskräften thematisiere, dann ist da oft eine große Erleichterung, weil die wissen das durchaus oder ahnen es und wissen nur nicht, wie sie damit umgehen sollen. Wenn ich aber das Thema von oben reinhole, ist es eine totale Erlösung. Das befördert nach und nach eine familienfreundliche Unternehmenskultur, die Mitarbeitende bindet und gleichzeitig auch Führungskräfte entlastet.
Was möchtest du pflegenden Angehörigen und Führungskräften zum Schluss mitgeben?
Keine Angst haben. Reden entlastet – und zwar alle Seiten. Im Gespräch entstehen Verständnis, gemeinsame Lösungen und neue Wege. Niemand muss diese Situation allein bewältigen.
Unsere Interviewpartnerin
Anja Kälin
Co-Gründerin, Geschäftsführende Vorständin, Strategische Produktentwicklung