Hinlauftendenz
Wenn Menschen mit Demenz plötzlich den Raum verlassen oder den starken Drang haben „loszugehen“, spricht man in der professionellen Demenzbegleitung und pflegerischen Praxis inzwischen immer häufiger von „Hinlauftendenz“. Dieser Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass die Betroffenen in den meisten Fällen nicht einfach weglaufen, sondern gezielt irgendwohin wollen. Damit steht er auch in Kontrast zum noch immer weit verbreiteten Begriff „Weglauftendenz“.
Warum Menschen mit Demenz losgehen: Ursachen und Bedürfnisse verstehen
Für Angehörige und Pflegende wirkt dieses Verhalten im Alltag oft unvorhersehbar und beängstigend. Angehörige haben verständlicherweise Sorge, dass dem an Demenz erkrankten Familienmitglied im Straßenverkehr etwas passieren könnte oder dass die Person verloren gehen könnte. Doch für den erkrankten Menschen folgt das Handeln einer klaren, wenn auch für andere nicht mehr nachvollziehbaren, Logik:
- Die vertraute Vergangenheit wird zur Gegenwart: Durch die fortschreitenden Veränderungen im Gehirn können sich zeitliche Ebenen verschieben. Der Weg führt gedanklich oft zurück in frühere Lebensabschnitte, etwa zur alten Arbeitsstelle, zu den eigenen Kindern, als diese noch klein waren, zur eigenen Mutter oder in das Elternhaus der Kindheit.
- Die Sehnsucht nach Geborgenheit: Der Wunsch, „nach Hause“ zu gehen, meint dabei nicht unbedingt einen konkreten Ort, wie die aktuelle Wohnung. Vielmehr steht er oft für ein tiefes inneres Bedürfnis nach Sicherheit, Vertrautheit und einem Gefühl von Schutz. Das gilt besonders dann, wenn sich Betroffene in ihrer aktuellen Umgebung fremd, überfordert oder ängstlich fühlen.
- Auslöser im Alltag: Oft wird die Hinlauftendenz auch durch konkrete körperliche oder seelische Faktoren ausgelöst, wie etwa innere Unruhe, das unbewusste Suchen nach einer Aufgabe, Langeweile, Bewegungsmangel oder körperliche Bedürfnisse (wie Hunger, Durst oder Schmerzen).
Hinlauftendenz bei Demenz: Wie Angehörige reagieren können
Häufig reagieren Angehörige im ersten Moment mit dem Versuch, das Hinlaufen – bzw. in ihrer Wahrnehmung Weglaufen – zu verhindern. Dies führt jedoch in vielen Fällen zu noch mehr Frustration, Verzweiflung und Widerstand. Hilfreicher ist es, die Hinlauftendenz als eine Form der nonverbalen Kommunikation zu begreifen. Als Ausdruck dafür, dass Worte fehlen, um ein inneres Bedürfnis auszudrücken. Statt zu sagen: "Du bist doch schon zu Hause", könnte man etwa beruhigend und zugewandt fragen: "Zu Hause fühlst Du Dich immer am wohlsten, nicht wahr?" Oder sich erkundigen: "Was suchst Du gerade?" Wer versucht, das Bedürfnis hinter dem Verhalten zu verstehen, kann anders reagieren, weniger korrigieren, mehr Sicherheit vermitteln und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Noch mehr Fragezeichen im Kopf?
Häufige Fragen und Antworten
Der Begriff Hinlauftendenz beschreibt in der prpfessionellen Demenzpflege das Verhalten, wenn erkrankte Menschen plötzlich den Raum verlassen oder den starken Drang haben, "loszugehen". Im Gegensatz zum veralteten Begriff "Weglauftendenz" macht dieser Ausdruck deutlich, dass Betroffene nicht ziellos weglaufen, sondern gezielt einen bestimmten Ort aufsuchen oder einem inneren Bedürfnis folgen.
Der Drang nach Hause zu gehen ist bei Demenz meist kein Wunsch nach der aktuellen physischen Wohnung, sondern Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit. Durch die zeitliche Verschiebung, die durch die Erkrankung wahrgenommen wird, leben die Menschen oft in vergangenen Lebensabschnitten (z.B. im Elternhaus oder bei den eigenen Kindern). Fühlen sie sich in der Gegenwart überfordert, suchen sie gedanklich manchmal Zuflucht in diesen vertrauten Erinnerungen.
Anstatt das Hinlaufen durch Verbote zu verhindern, was oft zu Frustration und Widerstand führt, können Angehörige das Verhalten als nonverbale Kommunikation verstehen. Hilfreich ist ein Perspektivwechsel: Suchen Sie nach den Auslösern (z.B. innere Unruhe, Langeweile, körperliche Bedürfnisse oder das Suchen nach einer Aufgabe). Nehmen Sie das dahinterliegende Bedürfnis nach Trost, Sicherheit oder Beschäftigung ernst.