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Transkript zur Kompaktfolge "Ich mache nicht genug"

Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie.

Herzlich willkommen zu einer neuen Kompaktfolge von „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie.“ Ich bin Peggy Elfmann, Journalistin und pflegende Angehörige. Hier in diesem Podcast geht es um das Thema Demenz. Ich möchte euch Wissen und Anregungen für euren Alltag als Angehörige geben. 

Darf ich in den Urlaub fahren, wenn meine Mutter Hilfe braucht? 

Ich sollte häufiger bei meinem Vater vorbeischauen. 

Mache ich genug?

Viele Angehörige kennen diese oder ähnliche Gedanken. Es sind Gedanken, die oft mit einem starken Gefühl verbunden sind: Schuld. In dieser Kompaktfolge „Leben. Lieben. Pflegen.“ hört ihr fünf Impulse über Schuldgefühle in der Pflege. Diese Gedanken stammen von Gästen aus dem Podcast und ich hoffe, dass sie euch helfen.

Bevor ich anfange, noch eine große Bitte. Teilt den Podcast mit anderen Angehörigen und Interessierten. Ich freue mich auch, wenn ihr Leben lieben Pflegen abonniert und uns auf der Podcast-Plattform eurer Wahl positiv bewertet. Herzlichen Dank dafür!

Erster Gedanke: Wenn verschiedene Bedürfnisse aufeinandertreffen

Schuldgefühle beginnen oft nicht mit großen Entscheidungen, sondern sie zeigen sich in ganz alltäglichen Momenten. Zum Beispiel dann, wenn das eigene Leben und die Verantwortung für einen Angehörigen plötzlich miteinander konkurrieren.

Viele pflegende Angehörige kennen dieses Gefühl. Und egal, wie man sich entscheidet, es fühlt sich irgendwie falsch an. In einer Folge „Leben. Lieben. Pflegen.“ haben Anja Kälin, Familiencoach bei Desideria und ich das so beschrieben. 

„Bei mir zeigt sich das an so Dingen vielleicht auch ganz einfachen, dass wenn ich Ferien habe, dass ich dann überlege, darf ich in den Urlaub fahren? Oder eigentlich müsste ich zu meinen Eltern fahren und ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht zu meinen Eltern fahre. 

Ich kann das bestätigen. Diese Gefühle tauchen häufig auf. Ich kriege das immer wieder berichtet in den Gesprächen, in den Coachings, die wir anbieten. Und wenn ich an meine Zeit mit meiner Mutter zurückdenke, kann ich das genauso unterschreiben. Ich hatte oft, gerade wenn wir zum Beispiel auf unsere Hütte gefahren sind, in die Berge mit den Kindern, um einfach irgendwie mal eine Zeit nicht in der Stadt zu verbringen und irgendwie durchzuatmen, da hatte ich immer so das Gefühl, jetzt entweder müsste ich meine Mutter einpacken und sie mitnehmen oder ich müsste darauf verzichten, um sie besuchen zu können oder um meinen Papa zu unterstützen. Und da war ich auch immer so hin und her gerissen und steckte in so einem blöden Dilemma. Wenn ich da geblieben bin, war es nicht okay und wenn ich mitgefahren bin, war es aber eigentlich auch nicht okay.“

Solche Situationen gibt es im Pflegealltag ziemlich oft und sie zeigen etwas Wichtiges. Schuldgefühle entstehen oft nicht, weil wir etwas falsch machen, sondern weil zwei wichtige Bedürfnisse gleichzeitig da sind. 

Zweiter Gedanke: Der kritische Dialog im Kopf

Zu diesen Situationen, in denen verschiedene Bedürfnisse aufeinandertreffen, kommt oft noch etwas anderes hinzu, unsere eigenen Gedanken. Viele Angehörige berichten von einer sehr strengen inneren Kritikerin oder Kritiker. Ich habe das in der Podcast-Folge zu Schuldgefühlen mal so erklärt.

„Also es fühlt sich von innen stark wie ein Kampf an oder eigentlich eher wie so ein Versagen, weil es ist gar nicht mal, glaube ich, die Erwartung von außen. Es ist tatsächlich meine eigene Erwartung, dass ich möchte, dass es meiner Mama gut geht, dass ich bestmöglich für sie da sein kann, dass ich immer erkennen kann, was sie gerade braucht, wie es ihr geht und ihr das auch geben kann. Und dann kreist so diese Gedanken im Kopf, du müsstest doch eine bessere Tochter sein, als du bist, weil du nicht gut genug hilfst.“

Dieser innere Dialog kann unglaublich belastend sein. Denn egal wie viel man tut, es fühlt sich oft an, als würde man nicht genug tun. 

Dritter Gedanke: Moralisches Dilemma.

Im Alltag mit Menschen mit Demenz gibt es außerdem häufig Situationen, in denen es gar keine eindeutige Entscheidung gibt. Das mit den Kategorien richtig und falsch ist ja sowieso schwierig, weil wir Individuen sind und unsere Entscheidung nun mal ganz individuell. Aber manchmal erlebt man Momente, die einen mit den eigenen Wünschen oder Werten oder auch einem Versprechen konfrontieren und man sich in einem moralischen Dilemma befindet. In der Partnerschaftsfolge „Leben. Lieben. Pflegen“ hat Robert Urban darüber gesprochen. Seine Frau ist an Demenz erkrankt und Robert erklärt das so. 

„Wir hatten eigentlich vereinbart, als wir uns vor 30 Jahren kennengelernt haben, die Basis unserer Beziehung kann nur Ehrlichkeit sein dem anderen gegenüber. Und mittlerweile ist es so, dass ich meiner Frau nicht immer die Wahrheit sagen kann. Also nennen wir es hilfreiches Flunkern oder wie auch immer ich mir das von mir selber verkaufe, aber das ist oft wichtig, eine Ausrede oder eine Geschichte zu erfinden. Also das erklärt ja auch dieses oft Kindwerden wieder in dieser Krankheit, um Situationen zu umgehen und sie weniger dramatisch zu machen. Aber mit diesem Gefühl bleibe ich alleine zurück. Also das ist ein unteilbarer Moment. Das ist auch eine Erfahrung, die für mich ganz schwer hinzunehmen ist.

Das ist eine Erfahrung, die du alleine ja für dich machst, die du mit deiner Frau so nicht teilen kannst. 

Die ich nicht teilen kann. Und es ist auch ein moralischer Aspekt natürlich. Ich fühle mich da nicht immer gut. Mittlerweile nicht mehr so schlimm. Und ich bin mir sicher, dass jeder, der in dieser Situation ist oder eine ähnliche Erfahrung gemacht hat, ich kann jetzt dem anderen die Wahrheit nicht sagen, weil sie nicht hilfreich ist. Lügen wäre ein ganz harter Ausdruck dafür. Aber wenn man es denn wirklich so nennen will, weil dieses Lügen in dem Fall hilft.“

Solche Situationen zeigen, Schuldgefühle entstehen auch im Miteinander. Einen Angehörigen mit Demenz zu begleiten, bedeutet manchmal auch, zwischen verschiedenen Werten abzuwägen. Beispielsweise zwischen Ehrlichkeit und Wahrheit auf der einen Seite sowie Schutz und Fürsorge auf der anderen Seite. 

Vierter Gedanke: Hinter Schuldgefühlen stecken Glaubenssätze

Wenn wir Schuldgefühle genauer betrachten, entdecken wir häufig etwas Tieferes dahinter, nämlich Vorstellungen davon, wie wir glauben sein zu müssen. Glaubenssätze also. Familientherapeutin Anja Kälin hat mir das in einer Podcast-Episode folgendermaßen erklärt.

„Also ein Glaubenssatz ist ja an sich auch erstmal in seinem Entstehen nichts Schlimmes. Er entsteht ja in der Regel in der Sozialisation, wenn wir noch sehr jung sind, in Kontexten, wo der Glaubenssatz uns ja auch vor etwas schützen soll. Nämlich vor dem Scheitern oder vor Hohn oder vor Demütigung oder vor Nicht erreichen von Zielen. Ein Glaubenssatz kann ja durchaus auch was sehr Positives sein, zumindest in seiner Entstehung. Und wenn aber dieser Glaubenssatz irgendwann in einem anderen Kontext anfängt zu arbeiten und dysfunktional wird, dann haben wir halt das Problem.

Und ich glaube, das war bei mir durchaus so, dass ich das Gefühl hatte, nicht zu genügen, obwohl ich auch von außen immer wieder gespiegelt bekommen habe, dass das alles großartig ist, was ich für meine Mutter leiste und wie ich für sie da bin und was ich für sie tue und dass sie bei uns einzieht und dass Nähe irgendwie da ist und Verständnis und Fürsorge.

Also all diese positiven Gefühle. Und trotzdem hatte ich aber dummerweise immer noch das Gefühl, es hat nicht gereicht. Und das hat sogar noch über den Tod meiner Mutter hingereicht. Vielleicht kennt ihr auch solche Glaubenssätze, zum Beispiel, ich muss immer für meine Eltern da sein oder ich muss das alleine schaffen oder ich bin nicht genug.“

Solche Glaubenssätze können Schuldgefühle verstärken, sogar dann, wenn wir eigentlich schon sehr viel leisten. 

Fünfter Gedanke: Glaubenssätze verändern. 

Wenn Schuldgefühle mit solchen inneren Regeln zusammenhängen, stellt sich natürlich eine wichtige Frage. Kann man diese Glaubenssätze verändern und falls ja, wie? Darüber habe ich mich mit Anja Kälin unterhalten.

„Jetzt ist so ein bisschen die Frage, also wenn man so einem Glaubenssatz auf die Spur kommt, wie man mit dem vielleicht auch umgehen könnte. Das ist ja schon gut, wenn wir feststellen, da gibt es so einen Glaubenssatz, der stark am Werk ist. Also was mir tatsächlich dann manchmal hilft, ich glaube, du hast es mir mal gesagt, das ist jetzt gerade so oder das ist jetzt gerade eben nicht ausreichend, diesen Zustand nicht als so einen generellen hinzustellen, sondern als Moment darzustellen.

Genau, der sich verändert. Also beispielsweise auch so ein Satz: „Es reicht nie" mal zu verändern. 

Wie kann man denn dann verändern?

Indem man zum Beispiel ein Wörtchen weglässt, das „nie“. Einfach mal zu sagen, okay, ich spreche diesen Satz mal ohne das nie aus: „Es reicht.“

Eine andere Veränderung kann zum Beispiel auch sein von dem ursprünglichen Satz: „Ich möchte immer für meine Eltern da sein.“ zu „Ich möchte für meine Eltern da sein und auch gut für mich sorgen.“

Und noch einen anderen Tipp hat Anja mir in der Folge gegeben. 

„Noch ein anderer Tipp, auch mal zu schauen, in welchen Situationen ist dieser Satz denn nützlich. Zum Beispiel kann es sein, dass dieser Satz mich in vielen Bereichen zum Durchhalten schon gebracht hat, in sehr ausweglosen Situationen. Und dann da einfach mal dankbar drauf zu schauen, zu sagen, ja, ein Glück gibt es diesen Satz in manchen Situationen.

Und dann zu unterscheiden, wann ist dieser Satz sinnvoll und wann ist er schwierig und bringt mich vielleicht in Grenzsituationen, wo ich über meine Grenzen drübergehe. Und dann diese Wahl zu treffen, wann dieser Satz vielleicht ganz gut ist und wann er vielleicht anders besser wäre oder wann er vielleicht am besten gar nicht da wäre. Dann kann ich dann schon ein bisschen damit experimentieren und sagen, okay, ich verschaffe mir an der einen oder anderen Stelle etwas, Freiheit und Handlungsspielraum, indem ich den Satz verändere oder sehr bewusst auf ihn drauf schaue und gucke, was er mit mir macht.“

Und manchmal beginnt Entlastung genau damit, die eigenen inneren Regeln ein wenig freundlicher zu formulieren.

Das waren fünf Gedanken zum Thema Schuldgefühle von meinen Gästen hier bei „Leben. Lieben, Pflegen.“ Ich hoffe, ihr könnt für euch den ein oder anderen Gedanken mitnehmen. Schuldgefühle gehören für viele Angehörige zum Pflegealltag dazu. Sie entstehen aus Liebe, Verantwortung und dem Wunsch, alles richtig zu machen. Vielleicht hilft es, sich daran zu erinnern, Schuldgefühle sagen oft weniger darüber aus, was wir falsch machen, sondern darüber, wie wichtig uns ein Mensch ist.

Es kann entlastend sein, genau darüber zu sprechen. Das könnt ihr zum Beispiel in den Angehörigengruppen von Desideria tun. Ich möchte euch noch ganz herzlich zum Intensiv-Workshop zur Selbstfürsorge einladen. Darin lernt ihr Übungen, die euch helfen, im Alltag eure Energieakkus aufzuladen. Geleitet wird der Workshop von Maya Günther. Es sind vier Termine und der Workshop startet am 6. Mai. Den Link findet ihr in den Shownotes.

Danke fürs Zuhören, passt gut auf euch auf und empfehlt diese Folge und diesen Podcast gerne weiter. Wir freuen uns auch sehr über Likes und Bewertungen auf Apple Podcasts oder Spotify und wenn ihr unseren Podcast abonniert. Vielen Dank. 

Redaktion Peggy Elfmann 

Produktion Till Wollenweber

„Leben. Lieben. Pflegen“ ist ein Angebot von Desideria. Empfehlt diesen Podcast gerne weiter. Alle Folgen und Informationen findet ihr in den Shownotes, auf www.lebenliebenpflegen.de und auf Instagram unter desideria.ev

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