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Schöner sonniger Platz am Fenster, mit Blick in den Garten
Newsbeitrag

Wohnen mit Demenz – Wie Räume mehr Ruhe und Orientierung geben

15.05.2026

Pflanzen als Blickfang, viel Sonne und Licht, persönliche Rückzugsorte – wie kann man Räume so gestalten, dass sich Menschen mit Demenz sowie ihren Angehörigen wohlfühlen? Prof. Dr. Birgit Dietz, Architektin und Expertin für demenzsensible Architektur an der TU München gibt im Interview mit Desideria Anregungen.

Liebe Frau Prof. Dietz, was genau heißt eigentlich demenzsensible Architektur?

Eine offizielle Definition von Demenzsensibilität gibt es bisher nicht. Aber ich finde den Begriff „sensibel“ sehr treffend – er stammt vom Lateinischen „sensus“ ab, was mit „empfinden/ wahrnehmen“ übersetzt werden kann. Demenzsensibilität meint also, die Bedürfnisse und Erwartungen von Menschen mit Demenz wahrzunehmen, zu verstehen – und in der Architektur und Umgebungsgestaltung zu berücksichtigen.

Menschen mit Demenz scheinen die Welt mit anderen Augen zu sehen. Warum ist es wichtig, dies bei der Raumgestaltung mitzudenken und worauf sollte man achten?

Ältere Menschen – unabhängig von einer Demenzerkrankung – erleiden meist Funktionsverluste der Sinne und des Körpers, etwa nachlassendes Seh-, Hör-, Tastvermögen. Doch bereits bei einer leichten kognitiven Beeinträchtigung werden die Impulse, die an das Gehirn weitergeleitet werden, nicht mehr ganz so präzise entschlüsselt. So kann sich die Wahrnehmung der Umwelt verändern und etwa fragmentiert erscheinen. Das bedeutet, dass man zum Beispiel einen Raum nicht mehr als Ganzes wahrnimmt, sondern nur noch einzelne Objekte.  Umso wichtiger ist es, Räume klar, übersichtlich und nachvollziehbar zu gestalten – denn eine verständliche Umgebung kann Sicherheit geben und Selbstständigkeit erhalten. Die Auffindbarkeit von Bad/WC sowie das Zurechtfinden kann gut unterstützt werden, indem der Eingang markiert oder eine gut sichtbare Beschilderung angebracht wird. 

Kann eine demenzsensibel gestaltete Wohnung auch dazu beitragen, dass Verhaltensweisen wie Unruhe oder Aggression gelindert werden?

Ja unbedingt, Räume können auf das Verhalten großen Einfluss haben. Unruhe und Aggression entstehen häufig aus Überforderung oder Desorientierung. Eine gut gestaltete Umgebung kann beruhigen, Orientierung geben und Stress reduzieren. Davon profitieren auch die Pflegenden, etwa durch mehr Entlastung im Alltag.  

Viele Betroffene werden abends unruhig. Wie kann man hier zum Beispiel mit Beleuchtung arbeiten, um den Tag-Nacht-Rhythmus zu stabilisieren?

Licht ist ein zentraler Taktgeber. Bei warmweißem Licht wird die Produktion des Hormons Melatonin angeregt, welches müde macht. Bei kaltweißem Licht wird die Melatoninproduktion gedrosselt. Helles, wo möglich natürliches Licht am Tag und gedämpftes, warmes Licht am Abend unterstützen also den natürlichen Rhythmus, das Synchronisieren der äußeren mit der inneren Uhr. Wichtig ist eine gleichmäßige Ausleuchtung mit möglichst wenig Schatten – sie reduziert Unsicherheit und fördert Orientierung. Vor allem wichtig: Vorhänge tagsüber weit aufziehen und genug Licht ins Haus lassen, nach draußen gehen, aktiv sein, mit allen Sinnen den Garten oder den Balkon erleben, denn Gärten sind tatsächlich Alleskönner!

Gibt es auch bestimmte Farben und Materialien, die bei Menschen mit Demenz besonders gut wirken?

Bei der Gestaltung von Räumen kann die Natur als Vorbild dienen: Dunklere Böden vermitteln Stabilität und Erdung, während helle Decken das Licht optimal reflektieren. Die Wandfarben bewegen sich – ähnlich wie in natürlichen Landschaften – zwischen diesen beiden Polen. Entscheidend ist aber nicht „das eine perfekte Material - die eine richtige Farbe“, sondern ein stimmiges, behagliches Gesamtbild. Farben und Materialien sollten vertraut, warm anmutend und unterscheidbar sein. Zum Beispiel erkennt man helle Griffe auf dunklen Türen besser. Eine Tür, die nicht erkannt und benutzt werden soll, darf dagegen wie eine Tapetentüre gestaltet, sein – etwa Weiß in Weiß. 

Welche Rolle spielen Hintergrundgeräusche oder Raumakustik für demenzsensibles Wohnen? Wie kann man die Wohnung vielleicht leiser machen?

Geräusche werden bei Demenz oft schlechter gefiltert, nicht immer korrekt zugeordnet und können schnell überfordern, wie unter anderem eine Untersuchung zur Wahrnehmung von Hintergrundgeräuschen bei Demenz zeigt. Bei solch einer Reizüberflutung entsteht oft Unsicherheit, insbesondere leidet auch die Sprachverständlichkeit. Hall, Hintergrundgeräusche oder plötzlicher Lärm führen zu Stress. Textilien, Vorhänge oder Teppiche können helfen, Räume akustisch zu beruhigen und eine angenehmere Atmosphäre zu schaffen. Das ist wichtig, denn schlechtes Hören und Überforderung können sozialen Rückzug und Ausgrenzung bedingen – was wiederum der Entwicklung einer Demenzerkrankung Vorschub leistet. 

Wie wichtig ist es, dass man vertraute Gegenstände behält? Und wie schafft man die Balance zu einer barrierefreien Wohnung? Aber können zu viele Erinnerungsstücke auch verwirren oder sogar Gefahrenquellen sein? 

Vertraute Gegenstände sind sehr wertvoll, denn sie geben Identität und damit Halt. Gleichzeitig sollte die Umgebung übersichtlich und sicher bleiben. Die Balance gelingt oft am besten, wenn man bewusst auswählt: lieber wenige, gut platzierte Erinnerungsstücke als zu viele Reize. 

Bei Demenz stehen oft Sicherheitsaspekte im Fokus. Womit kann man noch arbeiten, um demenzsensibles Wohnen zu ermöglichen? Welche „schönen“ Wohn-Tipps gibt es? 

Demenzsensibles Wohnen bedeutet tatsächlich nicht nur Sicherheit, wenngleich das natürlich ein wichtiger Aspekt ist, sondern auch die Förderung von Lebensqualität. Setzen Sie Pflanzen, Licht, Ausblicke, persönliche Bilder oder kleine Lieblingsorte ein – sie können Geborgenheit schaffen und einfach Freude machen. Ein gemütlicher Sessel am Fenster mit Blick in den Garten und zu etwas Lebendigem, wie einem Haustier, vielleicht zu spielenden Kindern oder auch auf die Straße, kann ein ganz eigener Rückzugsort sein – Räume dürfen und sollen positiv wirken, Heimeligkeit ausstrahlen, das Spüren des Selbst fördern. 

Wenn ein Angehöriger heute mit der Umgestaltung beginnen möchte, aber nur ein begrenztes Budget zur Verfügung hat: Welche Maßnahme hat den größten positiven Effekt? 

Die größte Wirkung haben nach meiner Einschätzung oft vor allem mehr Übersicht und Klarheit. Das bedeutet: Räume aufräumen, Wege freihalten, wichtige Blickbeziehungen ermöglichen, gute natürliche Belichtung und künstliche Beleuchtung schaffen – das sind einfache Maßnahmen mit großer Wirkung für Orientierung und Sicherheit. 

Was möchten Sie Angehörigen von Menschen mit Demenz noch mit auf den Weg geben? 

Die Umgebung kann unterstützen – aber im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Wenn wir Räume so gestalten, dass sie verständlich, ruhig und wertschätzend sind, entsteht ein Alltag, der mehr Sicherheit und Wohlbefinden ermöglicht - für Betroffene und Angehörige gleichermaßen. Wir sollten üben, Menschen, die mit einer Demenzerkrankung leben, gut zuzuhören, um zu verstehen, was für sie gerade wichtig ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist die folgende Geschichte: 

Agnes Housten lebt mit einer Demenzerkrankung und nahm immer wieder an Alzheimer Konferenzen teil, um über ihr „neues Leben“ zu berichten. In einem Interview für mein Buch berichtete sie unter anderem:

„Wenn das Design von Hotels, Cafés oder anderen Räumen nicht demenzfreundlich ist, ist es schwer dort zu wohnen und z.B. an anstrengenden Konferenzen teilzunehmen. Ich möchte das aber weiterhin. Auf einer Konferenz bin ich schwer auf einen niedrigen Glastisch gestürzt. In einem anderen Hotel ließ der Teppich die Treppenstufen flach aussehen. Beim Betreten eines Fahrstuhls sah der schwarze, glänzende Boden aus wie ein großes Loch und ich hatte Angst ihn zu benutzen (schrecklich!). Bevor man viel Geld für die Gestaltung von Gebäuden einsetzt, sollte man sich Empfehlungen von an Demenz Erkrankten einholen. Manchmal verändern schon kleine Änderungen für uns sehr viel. Vor allem in Badezimmern ist es wichtig mit Kontrasten zu arbeiten. Auch hier kann mit wenig Aufwand für uns vieles erleichtert werden.“

Unsere Interviewpartnerin

Bild von Prof. Birgit Dietz

Prof. Dr. Birgit Dietz

Architektin und Expertin für demenzsensible Architektur
TU München

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