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„Hoffnungslosigkeit ist wie Glück. Sie bleibt nicht ewig“

Robert Urban, 62 Jahre, lebt in München. Seine Frau Claudia erkrankte vor vier Jahren an Alzheimer. Robert arbeitet als freier Autor und Kreativ-Direktor.

Unsere Herausforderung

Meine Frau bekam vor vier Jahren die Diagnose Alzheimer. Diese Gewissheit fegte die Ratlosigkeit der vergangenen zwei Jahre orkanartig hinweg. Claudia und ich waren immer aktiv, sind abends gerne weggegangen. Unsere Kommunikation war lebendig und intensiv. Doch zunehmend schlichen sich Missverständnisse in unseren Alltag. Für mich war das unerklärlich und verstörend. Claudia veränderte sich stetig. Sie hat es immer öfter vorgezogen, die Abende vor dem Fernseher zu verbringen. Zunehmend haben wir aneinander vorbeigeredet. Sie wurde auf eine unangenehme Art eigensinnig und bekam Probleme im Job. Ihre Kontaktfreude, eine ihrer großen Stärken, war nahezu verschwunden. 
In endlosen Diskussionen bat ich sie immer wieder, sich untersuchen zu lassen. In der Nachbetrachtung glaube ich, dass sie Angst davor hatte, sie würde das Schicksal ihrer Eltern ereilen, die beide an Alzheimer erkrankt waren. Ich habe diese Diagnose zunächst komplett unterschätzt. Ich dachte, wie so viele, meine Frau würde vergesslicher werden oder ein wenig schusselig. Je intensiver ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr setzten sich große Angst und tiefe Verzweiflung in mir fest. Ich las, dass es keine Heilung gibt. Ich musste mich mit dem Gedanken vertraut machen, mitansehen zu müssen, wie ein Mensch vergeht. Claudia ist mein bester Freund, und es ist schrecklich zu wissen, dass ich diesen verlieren werde.

Das haben wir gemacht

Ich musste mir eingestehen, dass diese Krankheit auch mich aus dem seelischen Gleichgewicht riss. Die Hoffnungslosigkeit nistete sich in meinem Körper ein und wollte 24 Stunden am Tag aus mir herausschreien. Auch deshalb habe ich mich entschlossen, eine Verhaltenstherapie zu machen. Ich spürte, nur wenn ich in mir ruhe, kann ich meiner Frau helfen. Dazu musste ich meine Muster erkennen und mich meinen Ängsten stellen. Vor allem der vor der Einsamkeit. Der Gedanke, dass mich meine Frau geistig irgendwann zur Gänze verlassen haben wird, ist für mich unfassbar grausam. Meine Therapie kann die Krankheit nicht aufhalten, aber ich habe gelernt, wie ich in Krisensituationen umgehen kann. Nur wenn man sich selbst kennt, seine Ängste im Griff hat und mit sich im Reinen ist, kann man sich – ohne Vorbehalte – um den anderen kümmern. Ich rate jedem Angehörigen dazu, sich gut um sich zu kümmern.

Was ich gelernt habe

Unsere Partnerschaft hat sich verändert. Partnerschaftliche Liebe wurde zur Schutzbefohlenheit. Manchmal gleicht sie einem Vater-Kind-Verhältnis. An guten Tagen bin ich voller Demut und freue mich, wenn Claudia glücklich ist. An schlechten Tagen bin ich verzweifelt darüber, dass ich das Wort nicht mehr an den Menschen richten kann, der sie einmal war. Die Zeit wird durch ihre Unkalkulierbarkeit nie wieder zu einem Verbündeten. Anstatt dass der Moment einen dazu auffordert, ihn festzuhalten, spüre ich die stete Angst vor der Vergänglichkeit. Hochgefühl und Traurigkeit bestimmen meinen Tag. 
Claudia hat durch die Demenz neue, feine Züge entwickelt. Sie ist unfassbar sensibel geworden für Stimmungen und Situationen. Sie merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt und wenn ich mich nicht gut fühle. Das ist faszinierend. Doch je mehr neues Licht ich in ihr entdecke, umso trauriger werde ich auch, denn ich weiß, dass ich all das verlieren werde. Ich mache mir mit dem Gedanken Mut, dass die Hoffnungslosigkeit wieder weichen wird. Sie ist wie das Glück. Beides kann nicht ewig bleiben. Wir können nicht permanent glücklich sein. Und nicht glücklich zu sein bedeutet nicht, unglücklich zu sein.

Das sollte sich ändern

Es ist nicht leicht, auf Anhieb das Verständnis anderer Menschen zu finden. Viele Bekannte und Kollegen haben sich zurückgezogen. Das trage ich niemandem nach. Es geschieht vielleicht aus Angst oder Unsicherheit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich erlebe oft, dass Menschen versucht sind, ihre Kommunikation „anzugleichen“. Tut das bitte nicht! Verhaltet euch wie immer! Man kann mit Menschen mit Demenz ganz locker umgehen, sie in den Arm nehmen und mit ihnen reden. Sicher, sie behalten nicht alle Informationen, aber lasst sie nicht außen vor!
Und für mich wünsche ich mir dasselbe. Ich verzeihe jeden flapsigen Kommentar über Demenz – zumindest einmal. Aber denkt nicht immer an meine schwierige Aufgabe ... das mache ich schon. Seid so gut zu mir, wie eh und je. Ich bin es zu euch sowieso, denn ich brauche euch. Alleine schafft man das nicht.

Als Robert Urban erfuhr, dass seine Frau Claudia Alzheimer hat, war er dennoch auf eine sonderbare Weise erleichtert. Er kannte nun den Grund, warum es in den Monaten zuvor zu Kommunikations- und Beziehungsproblemen gekommen war. Mit der Zeit wurde dem Münchner allerdings bewusst, was diese Diagnose bedeutet und was die Krankheit mit sich bringt. „An guten Tagen bin ich voll Demut und freue mich, wenn Claudia glücklich ist. An schlechten Tagen bin ich verzweifelt“, sagt er. Hochgefühl und Traurigkeit bestimmen den Alltag. Zu groß ist die Angst vor der Einsamkeit, denn er wird mit seiner Frau auch seinen besten Freund verlieren. Robert sagt: „Mir macht der Gedanke Mut, dass auch Hoffnungslosigkeit vergänglich ist. Sie ist wie das Glück. Beides kann man nicht ewig fühlen. Aber wenn wir nicht glücklich sind bedeutet das nicht, dass wir unglücklich sind.“

Im Podcast „Leben, Lieben, Pflegen“ spricht Robert darüber, welche Herausforderung es für die Beziehung ist, dass seine Partnerin an Demenz erkrankt ist.

Fotohinweis:© New-Media-Design.info 
Wir danken für die freundliche Unterstützung von Fotograf Marc Schneider, New-Media-Design, für die Produktion aller Fotos für die Mutmachgeschichten.
 

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