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Care Arbeit neu denken

Warum Angehörige in der Demenzpflege immer wichtiger werden 

ein Gast-Beitrag von Reimer Gronemeyer über zivilgesellschaftliches Engagement

 

Der Pflegenotstand ist vorbei. Wir sind schon einen Schritt weiter: Wir befinden uns bereits inmitten einer Pflegekatastrophe. Aus dem Berufsverband der Pflegeberufe ist zu hören: „Eine vergleichbare Situation hat es in den vergangenen 50 Jahren nicht gegeben“. Angesichts des aktuellen Fachkräftemangels spricht die Vorsitzende des Berufsverbands Christel Bienstein vom drohenden „Zusammenbruch des Pflegesystems“. Starke Worte. Aber sie sind berechtigt. Es fehlen gegenwärtig 200.000 Pflegekräfte. Die Zahl der Pflegebedürftigen in der Altenpflege steigt, die Personalknappheit in der Pflege ist dramatisch. Rund 500.000 Pflegekräfte werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen. „Wenn alte und kranke Menschen nicht mehr professionell versorgt werden können, muss dies von den Familien übernommen werden“, sagt Christel Bienstein. Es werden darum höhere Gehälter, bessere Arbeitszeiten und attraktive Karrierewege in der professionellen Pflege gefordert.  

Finanzielle Belastung steigt

Aber wie soll das gehen? Woher sollen die Pflegekräfte kommen? Und von welcher Familie wird da geredet? Diese Familie, in der die Tochter in Fortsetzung alter Gewohnheiten aufopfernd pflegt: die gibt es immer seltener. Weil Ehen zerbrechen; weil Frauen berufstätig sind; weil die Kinder weit entfernt wohnen, weil Männer sich nicht in der Pflege engagieren, weil die Wohnungen zu klein sind und, und, und…Zugleich sind die Angehörigen in der Altenpflege finanziell immer mehr gefordert. Geht der Vater oder die Mutter in ein Heim, dann werden im Regelfall 2350 Euro Eigenanteil fällig. Die Leiterin eines Alten- und Pflegeheims spricht davon, dass sie den Bewohnern und Angehörigen erklären muss, warum es in ihrem Haus immer teurer wird: Weil die Mitarbeiter besser bezahlt werden sollen. Für die Betroffenen bedeutet das immer öfter, dass das Eigenheim und das Ersparte verloren gehen. Und dann heißt es: Geh zum Sozialamt und beantrage Hilfe. Heimbewohner bezahlen inzwischen den Eigenanteil oft nicht mehr aus der Rente, weil die nicht reicht, sondern aus dem eigenen Vermögen. Es gibt einen Gaspreisdeckel, aber es gibt keinen Eigenanteilsdeckel im Heim.  Und die Kinder sehen zu, wie ihr Erbe wegschmilzt. Die Pflege der Altgewordenen durch die Angehörigen war vor noch nicht langer Zeit das Normale. Das ist nicht immer gut gelaufen. Aber die Entwicklung hin zur professionellen und bezahlten Dienstleistung führt uns jetzt in eine Sackgasse: So viel Personal wie gebraucht wird, ist nicht da und das Geld reicht auch nicht. Soll der Eigenanteil weiter steigen? Das hieße: Häuser und Sparbücher der Bewohner werden von den Betreibern der Einrichtungen abgesaugt, die Angehörigen haben das Nachsehen. Oder sollen mehr oder weniger alle zu Klienten der Sozialämter werden? Silvia Federici, eine amerikanische Professorin, beklagt das Verschwinden der Sorgetätigkeit und plädiert in ihrem Buch „Die Welt wieder verzaubern“ dafür, die Sorgearbeit neu zu verstehen. „Das Alltagsleben als wichtigstes Feld der Vermittlung zwischen den Menschen“ habe inzwischen Schiffbruch erlitten. Viele Menschen sind unfähig geworden, zwischenmenschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, weil ihnen das zu mühsam und zu schwierig vorkomme. Sie würden deshalb aus diesem Feld fliehen: Und deshalb kümmere sich niemand mehr um die Care-Arbeit, ob an Mitgliedern der Familie oder an Freund*innen. Das hat besonders für Kinder und ältere Menschen schwerwiegende Folgen. „In Europa gibt es mittlerweile den Trend, ältere Angehörige, die an Alzheimer erkrankt sind, ins Ausland zu verfrachten.“  Weil die bezahlte und professionelle Sorgearbeit vor unseren Augen scheitert, wächst die Bedeutung und die Belastung der Angehörigen. Gleichzeitig sehen wir, dass die traditionelle Familie immer seltener das Auffangbecken für Menschen mit Demenz sein kann. Betroffene, Angehörige und Profis suchen deshalb nach neuen Wegen, nach alternativen Formen der Sorge, die aus der Zivilgesellschaft erwachsen müssten. Martin H., 58 Jahre alt, Manager in einer deutschen Bank, sagt: Ich gehöre zu den Babyboomern. Ich weiß, dass meine Generation sich in sozialen Feldern der Gesellschaft ehrenamtlich engagieren muss, wenn es allen gut gehen soll. Anders wird es nicht funktionieren. Desideria Care ist eine solche Initiative, wir brauchen mehr davon.  

Die häusliche Pflege schmilzt zusammen mit der „guten alten Familie“ weg

Es ist kein Geheimnis: Noch findet der Großteil der Pflege – auch im Bereich Demenz – in der Familie statt. Von 80 Prozent häuslicher Pflege ist die Rede. Die häusliche Pflege schmilzt aber zusammen mit der „guten alten Familie“ weg. Können wir damit rechnen, dass die Pflegekatastrophe dazu beitragen wird, die Familienpflege wiederzubeleben? Aber die alten Verhältnisse existieren nicht mehr. So wird die Zahl derer, die überhaupt keine Angehörigen haben, die sich kümmern könnten, wachsen. Werden sie auch in Zukunft einen Heimplatz finden? Werden Menschen mit einer beginnenden Demenz allein zurechtkommen müssen? Klar ist: Die Zahl der Menschen, die einen Angehörigen mit Demenz versorgen, wächst, die Überlastungsphänomene wachsen in gleichem Maße. Und die Zahl der vereinzelten Alten, die ohne Familie zurückgeblieben sind, nimmt auch zu. Und immer noch wird bei den Initiatoren von Pflegereformen vor allem an der Schraube gedreht, die auf mehr Geld hinausläuft: Mehr Geld, das die Betroffenen und die Angehörigen zahlen sollen, mehr Geld, das vom Staat kommen soll. Es muss wohl endlich begriffen werden, dass dieser Weg die Krise verschärft. Aber es werden zaghafte Ansätze zu neuen Sorgekonzepten sichtbar. Zum Beispiel in Sarstedt, wo ein neues Wohn- und Pflegequartier entsteht. Dazu schreibt der Initiator: „Es ist gut, dass auch in Deutschland die Menschen immer älter werden, weil sie gesünder, aktiver und medizinisch gut versorgt sind. … Wir wissen: Die Zahl älterer Menschen mit Hilfebedarf steigt, während die Pflegekapazitäten in der Familie abnehmen. Diese Entwicklung können professionelle Pflegekräfte allein nicht abfedern.“  Peter Dürrmann und sein Team schlagen deswegen einen neuen Weg vor: „Die Lösung sind intelligente und tragfähige Netzwerke, die ältere Menschen in ihrem Lebensraum vor Ort unterstützen.“ Es ist für diesen neuen Ort ein Pflege-Mix vorgesehen, der aus „Familien, Nachbarschaft, bürgerschaftlichem Engagement und professioneller ambulanter und teilstationärer Pflege besteht.“

Demenz ist ein soziales Thema 

Besonders für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen wird eine solche „Caring Society“ von zentraler Bedeutung sein. Die Demenz ist nicht nur ein medizinisches Phänomen, sie ist in erster Linie ein soziales Thema: Wie gehen wir mit Menschen mit Demenz um, solange eine Heilung der Demenz nicht in Aussicht ist? Die Ansätze zu einer „demenzfreundlichen Kommune“, die es inzwischen fast weltweit gibt, weisen einen Weg: Wie können Menschen mit kognitiven Einschränkungen länger in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und wie können Angehörige entlastet werden? Manches lässt sich mit bezahlten professionellen Dienstleistungen machen, aber die Sehnsucht nach Zuwendung, nach Wärme, nach Zeit in den kleinen Strukturen des Alltags, der ist mit Geld nicht zu sättigen. Hier braucht es – je deutlicher die professionellen Dienste an ihre Grenze geraten – neue Formen der sorgenden Gemeinschaft. Neu ist die im Grunde nicht, sie gehörte in gelingenden Gemeinschaften immer zum Alltag, man wusste: Ohne Nachbarschaft geht es nicht. Wir werden uns darum bemühen müssen, von dieser nachbarschaftlichen Sorge etwas wiederaufleben zu lassen. Die Voraussetzungen haben sich verändert: Die traditionelle Familie und die traditionelle Nachbarschaft ist weitgehend verschwunden. Aber der Phantasie für eine Wiederbelebung der Gemeinschaftlichkeit unter modernisierten Bedingungen sind keine Grenzen gesetzt. Wie werden die sorgende Gemeinschaft neu entdecken oder wir werden es mit wachsendem Elend unter Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu tun bekommen.

Neue Wege gehen

Darum brauchen wir solche Initiativen wie Desideria Care: Initiativen, die sich für eine ‚demenzfreundliche Gesellschaft‘ engagieren.  Das ist leicht gesagt und nicht so leicht getan. Desideria Care bahnt deshalb neue Wege: Wie ist eine Sensibilisierung für das Thema Demenz möglich? Welche neuen Angebote braucht es für Angehörige? Deshalb werden Angehörigenseminare entwickelt, deshalb werden Angehörigengruppen initiiert. Und Desideria Care unterstützt „junge Carer“ – das ist es, was wir morgen und übermorgen dringend brauchen. 
Ein mühsamer Weg. Aber diejenigen, die sich da engagieren berichten über ungewöhnliche Resonanzen: Sie erzählen von Freude, Dankbarkeit, von gemeinsamem Lachen und gemeinsamem Weinen. Wir brauchen mehr Unterstützung von Angehörigen, die in Augenblicken der Erschöpfung und der Resignation neuen Mut aus der Begegnung mit anderen Angehörigen schöpfen. Sie müssen wissen, dass sie nicht alleingelassen werden.  
 

Zum Autor

Reimer Gronemeyer, Dr. theol. und Dr. rer.soc.
geb. 4.7. 1939 in Hamburg

Professor i. R. für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Ehrensenator der Universität Gießen. Forschungsprojekte zum Thema Demenz und Hospiz ssowie Forschungsprojekte zum subsaharischen Afrika. 
Reimer Gronemeyer ist Vorsitzender des Vorstandes der „Aktion-Demenz. Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz“. Er ist Vorstandsvorsitzender des gemeinnützigen Vereins Pallium e.V., der sich für soziale Projekte in Namibia engagiert. Im März beginnt unter seiner Leitung ein neues dreijähriges internationales Projekt zum Thema „Demenz und Beteiligung“ (zusammen mit den Universitäten Stirling und Vancouver, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.)
 

Quelleangaben

RND-Nachrichten 2.12.2022. Christel Bienstein, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe.
Felix Zink, SWR, Deutschlandfunk am 18. November 2022 11:36 Uhr.
Silvia Federici: Die Welt wieder verzaubern, Wien/Berlin 2020 (Mandelbaum Verlag), S. 264f.
Peter Dürrmann, der dreißig Jahre Erfahrung in der Altenhilfe in Holle gesammelt hat, plant in Sarstedt ein solches integratives Wohn- und Pflegequartier. 
Vgl. dazu auch: Verena Rothe, Gabriele Kreutzner, Reimer Gronemeyer: Im Leben bleiben. Unterwegs zu demenzfreundlichen Kommunen, Bielefeld 2015 (transcript).
 

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